Industrieberichte

Aotearoa – Neuseeland Kleiner, aber chancenreicher Markt

„Kia ora“ - was „kiora“ ausgesprochen wird - ist möglicherweise die erste Begrüßung, die deutsche Reisende hören, wenn sie nach einem langen Flug das erste Mal neuseeländischen Boden betreten. Zum Beispiel vom freundlichen Zollbeamten, der einem mit seiner herzlichen Art ein fröhliches „Kia ora“ entgegenschmettert, noch bevor man unsicher den Einreiseschein über den Tresen des Kontrollbereichs geschoben hat. Und auf einmal stellt sich Entspannung ein. Diese kleine Geste steht stellvertretend für die landestypisch gastfreundliche, ungezwungene und höfliche Willkommenskultur. Gleichzeitig ist es eine Begrüßung auf Maori, der indigenen Sprache des Landes, das mit 18.000 Kilometern von Deutschland wohl weiter weg nicht sein könnte: Neuseeland.

Aotearoa = Das Land der langen weißen Wolke

Neuseeland, das aus zwei großen und einer Vielzahl von kleineren Inseln besteht, nimmt aufgrund seiner geografischen und wirtschaftlichen Lage eine herausragende Position im Südpazifik ein. Mit einer Landfläche von 268.000 Quadratkilometern ist das Land mit der Größe Japans oder Großbritanniens zu vergleichen, hat aber im Gegensatz zu diesen Ländern eine relativ niedrige Einwohnerzahl mit ca. 4,8 Millionen Menschen (Stand: 2019). Mit 1,6 Millionen Einwohnern (Stand: 2019) gehört Auckland zur größten, dicht besiedelten und am schnellsten wachsenden Region Neuseelands. Die frühere britische Kolonie ist seit 1986 ein unabhängiger Staat, dessen Rechtsform eine parlamentarische Demokratie mit einem zentralisierten Einkammerparlament ist. Das Parlament hat seinen Sitz in der Hauptstadt Wellington. Dank seiner marktorientierten Wirtschaft, seinem zuverlässigen Rechtssystem und seinem prosperierenden Finanzmarkt bietet Neuseeland einen soliden Standort für ausländische Investoren.

Kiwi-Kultur

Wer den ersten Businesstrip ins Land der langen weißen Wolke startet, sollte sich vorher mit einigen Gepflogenheiten der Kiwis vertraut machen. Begrüßungen und Unterhaltungen sind generell eher informell, fast immer wird sich mit dem Vornamen angesprochen. Flip-Flops heißen hier „Jandals“ (japanese sandals) und „cheers“ wird zwar auch zum sich Zuprosten gesagt, steht aber im Alltag umgangssprachlich für ein freundschaftliches „Danke“. Wegen seiner vielfältigen Geschichte ist Neuseeland heute zu einem Schmelztiegel verschiedenster Kulturen geworden: Māori, Europäer, Asiaten oder Einwohner verschiedener pazifischer Inselstaaten – sie alle sind hier mittlerweile zu „Kiwis“ zusammengewachsen. Das Leben spielt sich für Neuseeländer meistens draußen in der Natur ab. Laut Neuseelands Agentur für wirtschaftliche Entwicklung- und Handelsförderung (NZTE) besitzen 15 Prozent aller Familien hier ein Boot. Der Inselstaat hat unverkennbar eine recht enge Beziehung zum Wasser und feiert international herausragende Erfolge im Wassersport. Egal ob Wandern, Campen, Jagen oder Fischen – auch die Abenteuerlust ist den Kiwis quasi in die Wiege gelegt. Mit großem Stolz werden hier Helden wie Edmund Hillary, der erste Mensch, der den Mount Everest bezwang, gefeiert.

Deutsch-neuseeländische Handelsbeziehungen

Die guten Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Neuseeland fußen seit vielen Jahren auf gleichen Interessen und Werten. Sie machen beide Länder zu gleichgesinnten Partnern in außenpolitischen Angelegenheiten sowie im Handel, in der Wissenschaft und im kulturellen Austausch. Der neuseeländische Markt bietet für deutsche Unternehmen auf unterschiedlichen Ebenen viele Investitionsmöglichkeiten. Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und Neuseeland steigt seit Jahren stetig. Laut Germany Trade & Invest (GTAI), der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing, erreichte der Handel im Jahr 2018 einen Wert von 2,2 Milliarden Euro, was einem Anstieg von 10,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Deutschland hatte sogar mit Exportgütern im Wert von insgesamt 1,5 Milliarden Euro einen Handelsbilanzüberschuss zu verzeichnen. Die wichtigsten deutschen Ausfuhrgüter waren und sind deutsche PKW sowie Kfz-Teile. Eine hohe Nachfrage besteht nach deutschen Maschinen mit einem Gesamtumsatz von 337 Millionen Euro, wobei der Schwerpunkt auf Land- und Fördertechnik liegt.

Kleines Land, stabile Wirtschaft

Der Infrastrukturausbau ist derzeit ein großes Thema für Neuseeland und setzt neben der steigenden Exportnachfrage nach Agrarprodukten wichtige Wachstumsakzente. Mit dem Ziel bis 2050 klimaneutral zu werden, will Neuseeland zukünftig im Klimaschutz eine Vorreiterrolle einnehmen. Den Mammutbeitrag wird hier der Agrarsektor leisten müssen, denn knapp die Hälfte aller Treibhausgasemissionen des Landes fallen auf Viehhaltung. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft aber auch einer der finanzstärksten Märkte Neuseelands. Die Politik möchte die Landwirte unterstützen, dennoch werden diese nun vor große Herausforderungen gestellt. Ende Oktober hat die Politik den Druck bereits verschärft, indem sie ankündigte, die Treibhausgase aus der Tierhaltung und der Düngemittelherstellung ab 2025 auf Betriebsebene zu erfassen und künftig mit Strafgeldern zu versehen. Neuseeland ist der weltweit größte Exporteur von Molkereiprodukten. Etwa 40 Prozent aller Exporte beziehen sich neben Milcherzeugnissen außerdem auf Wild- und Schafsfleisch. Laut GTAI wird der Export von Milchprodukten 2019 voraussichtlich nochmal um 5,7 Prozent zulegen. International ebenfalls stark nachgefragt sind Obst und Gemüse aus Neuseeland mit einem erwarteten Plus von 13,7 Prozent. Das Land am anderen Ende der Welt gilt als kleiner aber dafür sicherer Ort für Investitionen und Geschäftsaufbau. Politisch und wirtschaftlich stabil, dazu wenig regulatorisch sind Eigenschaften, die es ausländischen Investoren leicht machen. Für das „Forbes Magazin“ hat es Neuseeland 2018 sogar unter die ersten fünf Länder geschafft, in denen man am besten erfolgreich Geschäfte machen kann.

Investmentmöglichkeiten und vielversprechende Industrien

Neuseeland kann weiterhin mit soliden Wachstumsraten rechnen. Dabei bestehen in verschiedensten Wirtschaftssektoren Geschäftschancen für deutsche Unternehmen:

  • Bauwirtschaft
    Die Bauwirtschaft zählt zu den wichtigsten Wachstumsbranchen. Der National Construction Pipeline Report erwartet bis 2023 einen Anstieg auf 43.000 Baugenehmigungen pro Jahr. Der anstehende Infrastruktur- und Wohnungsausbau, vor allem im Großraum Auckland, setzt hier starke Impulse. Das staatliche Hausbau-Programm „KiwiBuild“ sieht vor, künftig 100.000 bezahlbare Wohnhäuser entstehen zu lassen. Allein 50.000 neue Eigenheime sollen in Auckland gebaut werden. Dass viele Neuseeländer im Winter in ihren Häusern frieren, statt es gemütlich warm zu haben, ist ein offenes Geheimnis. Gemäß der neuseeländischen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, dem New Zealand Green Building Council (NZGBC), ist es in der Mehrheit aller Häuser im internationalen Vergleich deutlich zu kühl im Winter. Die Durchschnittstemperatur der Räume liegt sogar noch zwei Grad unter den von der WHO festgelegten Durchschnittstemperatur von 18 Grad Celsius. Lange Zeit galten eine ordentliche Isolierung und doppelt verglaste Fenster als Extraoption im Hausbau, die man haben kann aber nicht muss. Die meisten alten Häuser sind in Neuseeland deshalb weder isoliert noch klimafreundlich gebaut, Heizkosten und Stromrechnungen steigen im Winter mangels Isolierung deshalb in die Höhe.
  • Energiewirtschaft
    In puncto Energiewirtschaft arbeitet Neuseeland auf Energiegewinnung mit möglichst geringen Emissionswerten hin. Zurzeit werden schon etwa 80 Prozent der Gesamtenergie aus erneuerbaren Energiequellen wie Wasser- und geothermischer Energie gewonnen. Ein wichtiges Projekt ist derzeit beispielsweise die Modernisierung des Waikato River Staudammsystems mit insgesamt neun Kraftwerken. Außerdem sind im Bereich der Windkraft Anlagen mit einer Gesamtkapazität von etwa 2.500 Megawatt genehmigt. Die neuseeländische Regierung hat eine eigene Agentur gegründet, die die Energieeffizienz des Landes vorantreiben soll: die Energy Efficiency and Conservation Authority (EECA). Diese Agentur hat bereits ermittelt, dass ganze 33 Prozent einer durchschnittlichen neuseeländischen Stromrechnung für Heizkosten des eigenen Wohnraums ausgegeben werden. In der Prognose hieße das laut EECA, dass bis 2035 energieeffizientere Praktiken und Technologien im Haus- und Wohnungsbau den Einwohnern bis zu 2,4 Milliarden neuseeländische Dollar sparen könnten.
  • Lebensmittelindustrie und Agrarwirtschaft
    Die Nahrungsmittelindustrie zeichnet sich mit einem Marktanteil von 32 Prozent als das wichtigste Standbein des verarbeitenden Gewerbes aus. Der Produktionsindex der Branche legte laut GTAI im Kalenderjahr 2018 um 0,9 Prozent zu. Die Agrarwirtschaft bleibt Neuseelands wichtigster Industriezweig und trägt mit stolzen 10,6 Milliarden NZ Dollar (5 Prozent) zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Dennoch wird sich die Agrarwirtschaft angesichts des Klimaziels bis 2050 vermutlich stark verändern. Einige deutsche Investoren haben bereits erste Konsequenzen gezogen und angefangen, stärker nachhaltige Konzepte und Bio-Landwirtschaft zu fördern, um den Emissionsausstoß einerseits zwar zu verringern, andererseits aber dem weiterhin florierenden Markt für Milchtrockenmasse in Asien beliefern zu können. Die Nachfrage nach Technik für die Landwirtschaft wird laut GTAI in den nächsten drei Jahren vermutlich um gut ein Prozent pro Jahr steigen. Die Verkaufszahlen von Traktoren erreichten im vergangenen Jahr mit 4.640 Stück einen Rekord. Auch im Bereich Obst- und Gemüseanbau werden Produktion und Anbaufläche steigen und damit vermutlich auch die Nachfrage nach professionellem Input.
  • Informations- und Kommunikationswirtschaft – IT Sektor wächst
    Die neuseeländische Regierung geht davon aus, dass der IT-Sektor ein enormes Potenzial besitzt und bis 2035 das neuseeländische Bruttosozialprodukt um 54 Milliarden NZ Dollar steigern könnte. Derzeit ist die Industrie rund um künstliche Intelligenz hauptsächlich durch Einzelunternehmer geprägt, die in Technologie-Nischen agieren. Er kürzlich hat das „AI Forum New Zealand“ eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass die Nachfrage nach KI-Lösungen konstant steigt und bereits in Sektoren wie Land- und Energiewirtschaft, im Finanzbereich oder auch im Warenverkauf und im Verkehrsbereich zum Einsatz kommen.

Die Maschinenbauindustrie gilt als zweitgrößtes Standbein des verarbeitenden Gewerbes in Neuseeland und ist ein Sektor, der sich sehr positiv entwickelt. Zurzeit ist dieser von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt, die meist auf hochwertige Nischenprodukte spezialisiert sind. Stats NZ, das neuseeländische Statistikamt hat für das Finanzjahr 2018/19 einen Zuwachs von 5,5 Prozent im Bereich Maschinenbau und Equipment ermitteln können. Zu weiteren wichtigen Branchen zählt außerdem die Gesundheitswirtschaft. Viele Gesundheitseinrichtungen befinden sich in einem schlechten Zustand, weshalb laut Regierung bis 2028 geschätzte 14,8 Milliarden NZ Dollar in Modernisierungsmaßnahmen fließen sollen.

Markteintritt leichtgemacht

Bisher haben sich bereits 130 deutsche Tochtergesellschaften in Neuseeland niedergelassen. Die AHK Neuseeland spielt im Ausbau der bilateralen Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern eine große Rolle, indem sie seit mehr als 36 Jahren die deutsch-neuseeländischen Geschäftsbeziehungen fördert. Die Außenhandelskammer bietet deutschen Unternehmen eine zuverlässige Beratung, die ihre Handelsbeziehungen nach Neuseeland ausbauen oder gar eine Tochtergesellschaft oder Zweigniederlassung aufbauen wollen. Damit sich der Eintritt in den neuseeländischen Markt für kleine und mittelständische deutsche Unternehmen so effizient und unkompliziert wie möglich gestaltet, gibt es den Service der AHK Neuseeland. Denn geringe Markterfahrung und die große Entfernung zwischen den Ländern sowie fehlende personelle und finanzielle Ressourcen erschweren oft die Erschließung des neuseeländischen Markts. Die Erfahrung zeigt: Neuseeländische Unternehmen kommunizieren am liebsten mit lokalen, englischsprachigen Partnern vor Ort, die mit ihren Geschäftsgewohnheiten vertraut sind.

© Alexandra Falk